Blockchain Masters 2018 – Mehr als Bitcoin: Wie die Blockchain die Industrie verändern wird

Am 3. Mai 2018 fanden die Blockchain Masters 2018 in Hamburg statt. Die Konferenz für Blockchain-Experten, IT-Verantwortliche und Business-Entscheider wurde von eco – Verband der Internetwirtschaft und Heise Events gemeinsam ausgerichtet. In der eindrucksvollen Kulisse des Weltkriegsbunkers Feldstraße, der heute die Eventlocation Resonanzraum beherbergt, wurden im größten Block der Stadt einen ganzen Tag lang innovative Konzepte, Projekte und Ideen rund um das Thema Blockchain präsentiert. Eröffnet wurde die Konferenz von Oliver Süme, Vorstandsvorsitzender des eco Verbands, und Stephan Zimprich, Leiter der eco Kompetenzgruppe Blockchain.

Die Blockchain Masters 2018 zeigten nicht nur Einblicke in Testumgebungen und „Proof-of-Concepts“, sondern auch konkrete Geschäftsanwendungen und Erfahrungen aus Implementierungen, die sich heute bereits im Live-Betrieb befinden. Hinzu kamen Vorträge zu Identitätsmanagement, Vertrauen, Sicherheit und Governance, Smart Contracts und E-Government. Nach jeder Präsentation und bei den abschließenden Diskussionen zu den Themenblöcken, wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet und natürlich in den Networking-Pausen intensiv diskutiert.

Es gibt nicht die „eine“ Blockchain

eco Vorstand Oliver J. Süme und Blockchain Kompetenzgruppenleiter Stephan Zimprich

Das Grußwort von Dr. Sebastian Saxe – Chief Digital Officer der Stadt Hamburg und der Hamburg Port Authority – sowie die Keynote des ehemaligen CIO der estnischen Regierung Taavi Kotka, gaben den Startimpuls für einen inspirierenden Konferenztag. So wurde im Rahmen der „Blockchain Masters 2018“ nicht nur eine Vision für das Potenzial dieser Technologie gezeichnet, sondern auch ihr konkretes Geschäftspotenzial sowie die technische Machbarkeit beleuchtet – stets mit einem Blick auf die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen.

Bei den folgenden Vorträgen wurde eines deutlich: es gibt nicht die „eine“ Blockchain. Viele Blockchain-Implementierungen unterscheiden sich in einer Reihe von Details, die je nach Anwendungsszenario variieren, aber stets auf den Grundprinzipien der Distributed Ledger Technologie basieren. Zu diesen Prinzipien zählen dezentral verteilte Peer-to-Peer-Netzwerke, die Verwendung von Hashes bei der Protokollierung von Transaktionen, die Verschlüsselung der Daten und die Irreversibilität der in den Blöcken gespeicherten Informationen. Abhängig von der jeweiligen Anwendung, wurden insbesondere mit Bezug auf die Entscheidung für oder gegen öffentliche beziehungsweise private Blockchains, die verschiedenen Protokolle und unterschiedlichen Arten von Tokens (Zahlung, Nutzen und Asset) die spezifischen Unterschiede, Vor- und Nachteile vorgestellt und erläutert.

Blockchain, E-Government & E-Residency

Dr. Se­bas­ti­an Saxe, Chief Di­gi­tal Of­fi­cer bei Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation Hamburg

E-Government – mit und ohne Blockchain – stand im Mittelpunkt der dynamischen Keynote von Taavi Kotka. Der Leiter des „Estonian E-Residency Program Council“ begann mit einem Überblick zu den verschiedenen estnischen E-Government-Projekten. Dazu zählen unter anderem die revisionssichere Speicherung von Bürgerdaten, wie beispielsweise im Gesundheitswesen und die Bereitstellung des E-Residency Programms, welches auch Nicht-Esten ermöglicht, online ein Gewerbe in Estland anzumelden. Die Blockchain wird außerdem für die Betrugsbekämpfung gegen Steuerhinterziehung durch die verpflichtende und automatisierte Berichtspflicht für Unternehmen von allen ein- und ausgehenden Transaktionen eingesetzt. Die digitale Staatsbürgerschaft (E-Residency) bietet unter anderem Unternehmen Zugang zu estnischen Banken, Regierungsdiensten und einer Geschäftsadresse in der EU. Kotkas Botschaft adressierte im Wesentlichen zwei Gedanken: Erstens, Bürokratie muss abgebaut und Unternehmen muss es erleichtert werden, sich zu entwickeln. Und wenn sich zweitens etwas Neues entwickelt und dies von der Bevölkerung angenommen wird, kann die Veränderung sehr schnell einsetzen. Die in Estland funktionierenden Systeme waren bereits vor dem Aufkommen des Blockchain-Hypes etabliert. Kotka betonte, dass die Blockchain-Technologie für Teile der Bevölkerung, die ein geringeres Vertrauen in die Rechenschaftspflicht der Regierung haben, die Vertrauenslücke schließen kann, um E-Government-Lösungen anwendbar zu machen.

Potenzial über eine reine Datenbank hinaus

Die Bereitstellung digitaler Verwaltungsdienste auf Blockchain-Basis war auch das zentrale Thema des Vortrags von Dieter Rehfeld, Vorsitzender der Geschäftsführung von RegioIT. Was in einer Blockchain, wie zum Beispiel bei Bitcoin, grundsätzlich passiert, sei eine Übertragung von Rechten, erklärte Rehfeld. Gleichzeitig umfasse ein Großteil der Aufgaben öffentlicher Verwaltungen die Erteilung und Registrierung oder den Entzug von Rechten. Daher erläuterte er am Beispiel der Führerscheinregistrierung mithilfe einer Blockchain das Potenzial des Systems über eine reine Datenbank hinaus, als Mobilitätsprodukt im Live-Betrieb. So ermögliche die Blockchain zum Beispiel die digitale Überprüfung der Gültigkeit eines Führerscheins bei Autovermietungen.

Identitätsmanagement war auch das Thema der Präsentation von Dr. André Kudra, ‚CIO der esatus AG und Leiter der TeleTrusT Arbeitsgruppe Blockchain. Er beschrieb das Konzept eines öffentlichen Services, der es Privatpersonen ermöglicht, ihre Online-Identitäten zu besitzen und selbst zu verwalten. Mit „Bring Your Own Identity“ brachte er auf den Punkt, was mithilfe der Blockchain-Technologie Realität werden könnte. Im Anschluss beleuchtete Florian Glatz, Präsident des Bundesverbands Blockchain, das breite Spektrum der rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Blockchain-Technologie, die Auswirkungen auf gesellschaftliche Prozesse sowie die Einführung von Standardisierungsinitiativen.

Kompetenzen bündeln, Kooperation fördern

Matthias Kuom, Research Coordinator beim Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR)

Florian Glatz, Präsident, Blockchain Bundesverband

Matthias Kuom vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt beleuchtete die Frage nach dem Nutzen von Blockchains für Regierung und Verwaltung aus einer ganz anderen Perspektive. Er gab einen Überblick zu den Projekten, die das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) unterstützt und welche Ziele damit verfolgt werden. Herr Kuom erklärte, dass eine Reihe von Gründen für die Unterstützung spezifischer Projekte und nicht für die allgemeine Förderung von Unternehmen sprechen: Die Unterstützung erreiche nicht nur ein einzelnes Unternehmen, sondern meist ein ganzes Konsortium mehrerer Partner, die dadurch in einem Netzwerk zusammenarbeiten und ihre unterschiedlichen Kompetenzen bündeln und einbringen. Dadurch werde sichergestellt, dass Demos öffentlich präsentiert werden; man ist in der Lage, Projekte mit anderen Themen und Initiativen zu verknüpfen; Begleitung der Marktforschung; Organisation von Crossover-Arbeitsgruppen; und Einigung über die Rahmenbedingungen.

Blockchain Business Cases

Wie Dr. Sebastian Saxe bereits in seiner Begrüßungsansprache festgestellt hatte, ist die Logistik ein wichtiger Bereich, in dem Blockchains bereits früh eingeführt und getestet werden. Diese Beobachtung wurde von Jan Christoph Ebersbach von Chainstep aufgegriffen. Ebersbach gab einen Überblick über verschiedene Proof-of-Concepts und bereits im Live-Betrieb befindliche Blockchains in der Logistik. Zu seinen Beispielen zählten unter anderem Maersk, Air France, Hansebloc, die Blockchain in Transport Alliance (mit mehr als 100 Mitgliedsunternehmen), Microsoft, Mojix und Samsung. Die Anwendungsbereiche dieser Blockchains umfassen meist Dokumentenmanagement und Mehrparteienverträge, Tracking und Tracing, Finanz- und Zahlungsabwicklungen und – mit Bezug auf das von Matthias Kuom ebenfalls erwähnte SAMPL-Projekt – die Lizenzverwaltung in der additive Fertigung bzw. 3D-Druck. Sebastian Pawlowsky von der minnosphere GmbH griff das Thema aus einer anderen Perspektive auf und präsentierte die Lösung Veribox mit der dazugehörigen App. Ein Blockchain-basiertes Supply-Chain-Monitoring, bei dem Informationen aus Produktion und Versand sowie Sensor- und Geodaten miteinander verknüpft werden. So kann das Einschleusen von Produktfälschungen oder Manipulationen vorgebeugt werden. Hauptanwendungsfelder sah Pawlowsky beim Versand von pharmazeutischen Produkten, Lebensmitteln, wichtigen Ersatzteilen, Bekleidung usw.

Ein weiterer Anwendungsbereich, in dem Blockchain-Technologie bereits im Live-Betrieb für den Austausch von Daten im B2B-Umfeld genutzt wird, ist der Handel von Strom und Gas. Michael Merz von der Ponton GmbH erklärte, dass sowohl Blockchains als auch der Energiehandel auf einer 1: n-Kommunikation basieren. Daher bringe die Blockchain-Technologie bereits systemseitig den Vorteil mit, dass man das „Double-Spending“-Problem in den Griff bekomme und quasi automatisch vermeiden kann.

Blockchain im Anwendungsfeld Finanzen

Das Anwendungsfeld Finanzen war das Thema der Vorträge von Thilo Danz, Partner bei der Kanzlei Feldfischer, sowie Dr. Wolfgang Richter und Axel von Goldbeck von der Kanzlei DWF. Thilo Danz konzentrierte sich in seiner Präsentation auf die Funktionen von Zahlungsmitteln und betrachtete die Geschichte von Geld und Währungen, deren Wertbestimmung und ihre rechtlichen Rahmenbedingungen. Er argumentierte, dass sich privates Geld – wie beispielsweise Bitcoin – seiner Einschätzung nach nicht flächendeckend durchsetzen wird, solange Staaten das jeweilige Währungsmonopol innehaben. Trotzdem sah er die Möglichkeit, dass die Vorteile von Kryptowährungen im Laufe der Zeit zu einem breiteren Angebot und damit zu einer größeren Nachfrage führen können.

Dr. Wolfgang Richter und Axel von Goldbeck legten im Anschluss ihren Fokus auf die so genannte „Tokenisierung“ von Vermögenswerten. In ihrem Vortrag erklärten sie, dass ein Token an sich keinen Wert habe, sondern ein Tauschmittel ist und nur die rechtlich zugrunde liegende Vereinbarung repräsentiert. Jedes Recht, jeder Anspruch oder jede Verpflichtung könne in Tokens umgewandelt werden – aber auch Vermögenswerte wie ein Auto, Grundstücke oder Software. Mit Blick auf Smart Contracts wiesen sie darauf hin, dass es sich dabei weniger um eigenständige Verträge, als vielmehr um eine Möglichkeit zur automatisierten Auftragsausführung handelt.

Jens Kappe, Thilo Danz, Dr. Wolfgang Richter, Axel von Goldbeck und Kai Schächtele im Panel

Prof. Dr.-Ing. Volker Skwarek, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und Arbeitsgruppenleiter in ISO TC 307 „Blockchain“, knüpfte an diesen Gedanken an und wies in seinem Vortrag darauf hin, dass es sich bei Smart Contracts genau genommen lediglich um Vertragsklauseln handele, aber nicht um Verträge im eigentlichen Sinn. Nicht alles, was in Form von Code festgehalten werden kann, könne juristisch zulässig sein. Schließlich stellen Smart Contracts nur eine verschlüsselte Interpretation dessen dar, wie ein Softwareentwickler einen Vertrag verstanden hat. Er schloss die vorläufige ISO-Definition von Smart Contracts mit der Fußnote: „Das Ergebnis eines Smart Contracts kann oder sollte in erster Linie nicht als rechtsverbindlich angesehen werden.“

Vertrauen, Sicherheit und die Interoperabilität von Blockchains

Prof. Norbert Pohlmann, IT-Sicherheitsexperte und Vorstandsmitglied von eco, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit von Blockchain-Schnittstellen. Selbst wenn die Blockchain als Technologie – aufgrund ihrer verteilten Struktur, den Konsensmechanismen, der Verschlüsselung und der Irreversibilität – sicher ist, so Prof. Pohlmann, so müsse die Anwendungsebene ebenfalls geschützt werden. Der Diebstahl oder die unbefugte Verwendung von Wallets oder des Verschlüsselungskeys bleibe das häufigste Angriffsfeld auf Bitcoin und andere Blockchain-Anwendungen. Das könne zum Beispiel durch das Hacken der App, das Ablegen von Malware auf dem Computer oder einfach durch die Entwendung des Mobiltelefons eines Benutzers erfolgen.

Aus diesem Grund müssen, so Prof. Pohlmann weiter, neben einer vertrauenswürdiger Infrastruktur, Trusted Computing, einer vertrauenswürdigen Ausführungsumgebung und Sandboxing, die gleichen Anforderungen erfüllt und Schutzmaßnahmen ergriffen werden, die für IT-Sicherheit im allgemein auch gelten. Nur so kann die vollständige Sicherheit von Informationen gewährleistet werden, die in Blockchains abgespeichert werden. Ebenfalls zum Thema Sicherheit sprach Dr. Alexandra Dmitrienko, Professorin an der Universität Würzburg. Sie beschäftigt sich intensiv mit Sicherheitsaspekten von Smart Contracts und erklärte, dass die größte Herausforderung darin bestehe, dass Smart Contracts nicht gepatched werden können, falls Sicherheitslücken im Code entdeckt werden.

Verantwortlichkeit, Betriebsumgebung, Vertrauen und regulatorische Sicherheit

Prof. Dr. Norbert Pohlmann, eco Vorstandsmitglied und Leiter Institut für Internet-Sicherheit – if(is)

Für Blockchain-Anwendungen im Enterprise-Umfeld erläuterte Cyril Casanges von der Blockchain-Governance-Initiative „InfraChain“ aus Luxemburg, dass Public Blockchains häufig mit Nachteilen behaftet sind, was die Aspekte Vertrauen, Verantwortlichkeit, Betriebsumgebung und regulatorische Sicherheit betrifft. Die Lösung der Infrachain-Initiative bestehe darin, als Intermediär- und Verwaltungsschicht zu fungieren. Infrachain bringt die Unternehmen und Anwendungen mit unabhängigen Host-Betreibern von Drittanbietern für die Blockchain-Infrastruktur zusammen und möchte so eine Transparenz unter den Netzwerkteilnehmern herstellen und Standards etablieren.

Die zunehmende Notwendigkeit der Interoperabilität von Blockchains war das Thema von Prof. Wolfgang Prinz vom Fraunhofer FIT. Er zeigte eine Reihe von Ansätzen, um die Interoperabilität zwischen verschiedenen Arten von Blockchains zu gewährleisten. Er ging auf die vielen verschiedenen Entscheidungen ein, die bei der Erstellung einer neuen Blockchain zu treffen sind. Dabei stellte er dar, dass oft selbst innerhalb einer Organisation mehrere Blockchains mit unterschiedlichen Funktionalitäten (sowohl public als auch private) und verschiedene permission-basierte Netzwerke mit unterschiedlichen Lebenszyklen parallel existieren können. Infolgedessen werde es immer wichtiger, die Interoperabilität der verschiedenen Blockchains sicherzustellen. Die unterschiedlichen Installationen benötigen dafür eine Brückenschicht – quasi eine Meta-Ebene über den Blockchains – damit Informationen von einer Blockchain zur anderen übermittelt werden können, so Prinz. Der Fokus liege dabei jedoch weitgehend auf dem Austausch von Tokens. Außerdem würde dieser Ansatz keine direkte Interaktion zwischen den Blockchains vorsehen. So gäbe es beispielsweise auf diesem Weg keine direkte Möglichkeit, einen Smart Contract zu widerrufen.

Die „Blockchain Masters 2018“ fanden ihren Ausklang mit drei kurzen Pitches von Unternehmen, die bereits mit Blockchain-basierten Anwendungen und Lösungen arbeiten. Im Anschluss bot der Resonanzraum noch die Gelegenheit zum Networking unter den Teilnehmern und für lebhaften Austausch mit den Referenten. Beim PitchBLOCK präsentierten: Christopher Nigischer von consider it, Jens Kappe und Daniel Wischer von Magicline und Sebastian Beyer von CERTIVATION.

Weitere Fotos von den Blockchain Masters 2018 finden Sie in unserem flickr-Album.

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